Urbane Bewegungsräume zwischen Kunst und Funktion
Kreative Gestaltung öffentlicher Flächen als Hebel städtischer Potenziale
von Dr. Veith Kilberth
Im Hirschgarten im Westen Münchens wird eine in die Jahre gekommene Skateanlage grundlegend erneuert und zu einem zeitgemäßen „State-of-the-Art“- Skatepark weiterentwickelt. Die bestehende Anlage aus den 1990er-Jahren, die noch aus der Phase standardisierter Katalog-Skateparks stammt, wurde über ein zentrales Sanierungsbudget der Stadt München finanziert, das gezielt für Skateanlagen eingerichtet wurde. Ziel des Projekts war es, einen weiteren eigenständigen Skatepark zu realisieren, der sich komplementär in das bestehende kommunale Angebot von rund 40 Anlagen im Großraum München einfügt. Mit der Planung und Umsetzung wurde das Kölner Skatepark-Planungsbüro Landskate GmbH beauftragt. Wie bei vielen Skatepark-Projekten ging die Initiative von den lokalen Skateboarder:innen aus, die auch im weiteren Planungsverlauf eine zentrale Rolle spielten. In mehreren Beteiligungstreffen mit den lokalen Initiator:innen sowie dem Münchner Skateboard e. V., der für die Stadt eine gesamtstädtische Beratungs- und Koordinationsfunktion übernimmt, wurde das Konzept schrittweise entwickelt.
Skatepark Planung: Design-Leitsatz „Form follows Fuction“
In enger Abstimmung mit der Stadtverwaltung und der Beteiligungsgruppe flossen die lokalen Wünsche, Anforderungen und Nutzungsvorstellungen kontinuierlich in die Planung ein. Ein zentrales Anliegen aller Beteiligten war es, die Einzigartigkeit der Anlage über eine hohe gestalterische Qualität zu definieren. Da Skateparks keine normierten Sportanlagen sind, eröffnet sich ein besonders großer gestalterischer Spielraum, der für dieses Projekt bewusst ausgeschöpft werden sollte. Ausgehend vom Design-Leitsatz „Form follows Function“ entstand auf einer Nettofläche von rund 600 m² ein öffentlicher Street-Skatepark, der den Anspruch verfolgt, einerseits ästhetisch eigenständig und neuartig zu sein, andererseits jedoch den funktionalen Anforderungen der Rollsportler:innen in vollem Umfang gerecht zu werden. Die aus Ortbeton modellierten Elemente erhielten einen skulpturalen Charakter, der der Anlage ein unverwechselbares Erscheinungsbild verleiht und zugleich funktional wirkt. Freistehende, teilweise freischwebende Elemente sorgen für eine hohe Blickdurchlässigkeit und ermöglichen vielfältige Sichtachsen. Diese Gestaltung unterstützt die gewünschte soziale Kontrolle und trägt dazu bei, den Skatepark als „sicheren Ort“ innerhalb des weitläufigen Hirschgartens zu etablieren.
Eine insgesamt geringe Grundhöhe der Elemente, ergänzt durch punktuell größere Dimensionen, stellt sicher, dass für unterschiedliche Könnensniveaus angemessene Herausforderungen vorhanden sind und gleichzeitig niedrige Einstiegsschwellen für Anfänger:innen und weniger Geübte bestehen. Die auf den ersten Blick scheinbar freie Anordnung der Elemente folgt einer klaren funktionalen Logik: der Optimierung des Fahrflusses (Flow). Ziel war eine Anordnung, die eine möglichst flüssige und zusammenhängende Befahrung der einzelnen Objekte erlaubt. Die Auswahl und Kombination der unterschiedlichen Street-Elemente ermöglicht darüber hinaus eine Vielzahl multidirektionaler („Multi- Lines“) Fahrwege auf vergleichsweise begrenzter Fläche. Dieses Konzept trägt wesentlich dazu bei, die Anlage langfristig kreativ, abwechslungsreich und attraktiv nutzbar zu halten. Auch die Gestaltung der Bodenplatte folgt konsequent dem Prinzip „Form follows Function“. Das mit unterschiedlichen Betonfarben ausgeführte Bodenmuster verleiht dem Skatepark einen künstlerisch-kreativen Ausdruck, während die Gliederung der Fläche zugleich einem funktionalen Fugenraster folgt, das der Vermeidung von Rissbildungen dient. Ästhetik und bautechnische Anforderungen greifen hier unmittelbar ineinander.
Zeitgemäße Skatepark-Gestaltung: Bewegungsraum mit Inspirationskraft
Das Beispiel des Skateparks im Hirschgarten verdeutlicht, dass zeitgemäße Skatepark-Gestaltung deutlich über den rein funktional-sportlichen Zweck hinausgeht. In Analogie zur Kunst ist die ästhetische Gestaltung des Skateparks – philosophisch gesprochen in Anlehnung an Kant – nicht als reine „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“, sondern funktional eingebettet. Vielmehr knüpft sie an den kreativen Wesenskern urbaner Rollsportarten wie Skateboarding an und schafft einen Bewegungsraum mit hoher Inspirations- und Strahlkraft innerhalb eines öffentlichen Parks. Die ausgeprägte gestalterische Qualität spiegelt das Künstlerisch-Ästhetische als wesentlichen Bestandteil der Identität urbaner Bewegungspraktiken wider. Die intensive Nutzung der Anlage sowie die besonders positive Resonanz innerhalb der Münchner Skate-Szene sind deutliche Indikatoren für den Erfolg dieses Gestaltungskonzepts. Der Planungs- und Gestaltungsprozess macht insgesamt deutlich, welches Potenzial in einer konsequent partizipativen Herangehensweise liegt. Durch die enge Einbindung der Nutzer:innen – im Sinne einer Stadtgestaltung „von unten“ – konnten nicht nur funktionale Ideen für die Nutzung der Anlage entwickelt werden, sondern auch Impulse für eine eigenständige ästhetische Gestaltung. Auf diese Weise gelang es, bislang ungenutzte Potenziale einer städtischen Fläche durch Kreativität, Gestaltungskompetenz und Bürger:innen-Beteiligung nachhaltig zu aktivieren.
*Das hier beschriebene Design basiert auf Gestaltungs-Grundsätzen für Skateparks von Veith Kilberth, in ausführlicher Form: Kilberth, V. (2021). Skateparks. Räume für Skateboarding zwischen Subkultur und Versportlichung. transcript.
Facts
Bauherr: Landeshauptstadt München
Skatepark Fläche: 600 m²
Bausumme: 190.000 € (netto)
Planungsbüro: Landskate GmbH, Köln
Bau: Schneestern GmbH & Co. KG, Durach
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Über den Autor:
Veith Kilberth (Dr. phil.), ehemaliger professioneller Skateboarder und geschäftsführender Mitinhaber des Planungsbüros Landskate GmbH in Köln, forscht und berät Kommunen zum Thema Skateparks und urbane Bewegungsräume.
kilberth@lndskt.de
www.lndskt.de
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LNDSKT ist ein spezialisiertes Planungsbüro für Skatepark Planung, Pumptrack Planung und urbane Sportanlagen. Das Büro unterstützt Auftraggeber beim Skatepark bauen – von der ersten Idee bis zur fertigen Anlage. Die Entwürfe basieren auf realen Nutzungsanforderungen und berücksichtigen unterschiedliche Leistungsniveaus.
Neben Skateparks plant LNDSKT auch Calisthenics Parks, Outdoor-Fitnessbereiche und kombinierte Bewegungslandschaften. Partizipation der Nutzer:innen ist fester Bestandteil der Planung. Ziel ist eine hohe Auslastung und langfristige Nutzbarkeit der Anlagen. Die Projekte werden standortbezogen und individuell entwickelt. Dabei spielen Flächenbedarf, Budgetrahmen und Betriebskonzepte eine zentrale Rolle. LNDSKT verbindet technische Planung mit sportkulturellem Verständnis. So entstehen funktionale und wirtschaftlich tragfähige Sportanlagen.


